Abby Sunderland und die Journalisten: Für die 16jährige ist der Traum von der Weltumsegelung noch nicht zu Ende

by eric on 30. Juni 2010

Nach ihrer Rettung aus dem Indischen Ozean und ihrer Ankunft in dem französischen Überseedepartement La Réunion verteidigt die 16-jährige Seglerin Abby Sunderland ihren Segeltraum gegen jede Kritik. Die freie Journalistin Dorothee Staude berichtet für Segelnews direkt von La Réunion. Morgen erscheint hier ein Interview mit der jungen Seglerin.

Dieses Foto (©2010 GizaraArts.Com) ist im Januar bei Ihrem Start in Los Angeles entstanden

Dieses Foto (©2010 GizaraArts.Com) ist im Januar bei Ihrem Start in Los Angeles entstanden

Ein Schatten erscheint am Fenster hinter der – noch – schützenden roten Gardine. Auf dem Kai warten die Journalisten, denen sich Abby Sunderland stellen muss.  Die 16-jährige Seglerin  brach im Januar diesen Jahres in Kalifornien auf, um ihren Traum zu verwirklichen: als jüngster Mensch alleine um die Welt zu segeln. Ein Traum, der vor wenigen Tagen im Indischen Ozean vorerst sein Ende fand. (©2010 GizaraArts.Com)

Langsam geht an diesem Samstagmorgen die Tür der Kapitänskajüte des französischen Patrouillenboot Osiris auf. Blitzlichter zucken, Fotoapparate klicken. Helles Sonnenlicht blendet. Blass sieht sie aus, müde, mitgenommen von den Strapazen der vergangenen Monate. Natürlich, vor kaum mehr als zwei Wochen schwebte die junge Amerikanerin noch in Lebensgefahr.

Mast verloren: Das Segelboot von Abby Sunderland in Seenot

Mast verloren: Das Segelboot von Abby Sunderland in Seenot

Auf dem Weg von Südafrika nach Australien bricht im Indischen Ozean ein Sturm über ihr los, neun Meter hohe Wellen machen ihr Boot zu einem Spielball. Der Mast ihrer “Wild Eyes“ bricht ab und damit auch der Funkkontakt. Sie sendet ein Notsignal. Zwei Tage wartet das junge Mädchen bei stürmischer See und Temperaturen von fünf Grad auf Hilfe. Ein Airbus der australischen Fluggesellschaft Quantas macht sich auf die Suche. Ein französisches Fischereischiff ändert seinen Kurs. Die hohen Kosten für die Rettungsaktion werden die Länder nicht zurückfordern.

Verunsichert betritt Abby Sunderland jetzt im Schutze ihres älteren Bruders Zac die Gangway. Er ist aus den Vereinigten Staaten angereist, um seine Schwester in Empfang zu nehmen. “Endlich bin ich völlig außer Gefahr“, wird sie sich denken, als sie 3000 Kilometer von ihrem Schiffsbruch entfernt wieder festen Boden unter den Füßen hat. Der Hafen in dem französischen Überseedepartement La Réunion ist schmucklos, die Stimmung angespannt. Keine Musik ertönt, kein Applaus, keine Willkommensrede.

Wer bezahlt die Abenteuerlust einer 16jährigen?

„Es ist beeindruckend, völlig unglaublich, was Abby geleistet hat. Als jüngste Solo-Seglerin das Kap Horn zu umschiffen“, wird der Schiffsmechaniker des Patrouillenboots, das die 16-Jährige zurück an das sichere Festland brachte, später über sie sagen. „Sie hat alles verloren, ihr Boot, ihre Sachen, ihre Kleidung. Sie ist eine ganz starke Persönlichkeit.“ Anerkennende Worte, die in diesem Moment niemand hören möchte. Das beeindruckende Talent der Jugendlichen und ihr außergewöhnlicher Mut sind nur eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob es tatsächlich Aufgabe internationaler Staaten ist, für die Abenteuerlust einer 16-Jährigen aufzukommen, die eine Route im Südhalbkugel-Winter gewählt hat, die als riskant um diese Jahreszeit gilt.

Irgendwo zwischen Afrika und Australien: Letzter Standort der Wild Eyes

Irgendwo zwischen Afrika und Australien: Letzter Standort der Wild Eyes

„Die Kritik von Leuten, die die Fakten nicht kennen, ist unbegründet“, verteidigt sie sich mit den Worten einer Erwachsenen.  „Es war nicht Mitte des Winters, es war Herbst. Riesenwellen können bei jedem auftreten, an jedem Ort, für jedes Alter. Ich war gut vorbereitet auf alles“, aber ein Risiko könne man eben nie ausschließen, sondern nur minimieren. Und was die aufwendigen Kosten für ihre Rettung betreffe, so hätte die USA sicher für einen Bürger jedes anderen Landes das gleiche getan, sagt sie mit fester, ernster Stimme, nachdem sie von ihrem Zettel abgelesen hat, wem sie dankbar ist.

Ein Polizist der Osiris erklärt später, dass der Einsatz unwahrscheinlich viel Geld gekostet habe und die ursprüngliche Mission, illegale Fangschiffe im Indischen Ozean zu stoppen, vorzeitig beendet werden musste. „Sie war nicht krank. Man hätte die Mission auch zu Ende führen können”, fügt er hinzu. Das Patrouillenboot sollte eigentlich erst Mitte Juli von seinem Einsatz zurückkehren.

Fest steht: Abby Sunderland wird weiter segeln

Ob sie die Weltreise nach ihrem Scheitern noch einmal antreten werde? Verunsichert schaut die 16-Jährige zu ihrem Bruder Zac, der mit angespanntem Gesicht seine dunkle Sonnenbrille in den Händen hin und herdreht. „Ich werde auf jeden Fall weiterhin segeln“, sagt sie mit einstudierter Stimme. Der Polizist wird erzählen, dass Abby Sunderland Ende des Jahres wieder von Kalifornien aus starten wird. „Das ist die Liebe zum Meer, das Ziel außergewöhnliche Erlebnisse zu haben, die man kaum woanders erleben kann als auf dem Boot“, hat Zac einen Tag vorher in einem Interview gesagt. „Meine Schwester Abby ist eine unglaubliche Seglerin und fähig viele unglaubliche Dinge zu vollbringen.“ Sie wird also wieder in See stechen – trotz aller Kritik.

Die Fragen nehmen schließlich ein Ende, das Mädchen atmet tief durch. Erneut klicken unzählige Fotoapparate, bis Abby wieder in die Schiffskabine entschwindet.

Die Journalisten ziehen ab. In  Los Angeles wartet eine erneute Bewährungsprobe auf die junge Seglerin. Die einheimischen Medien werden kaum zartfühlender mit ihr umgehen.

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